In den letzten zehn Jahren glichen die Entwicklungen bei 5G einem Körper, der ein riesiges Hochgeschwindigkeits-Nervensystem ausgebildet hat, dem jedoch das zentrale Gehirn zur Steuerung fehlte. Die Telekommunikationsbranche investierte Milliarden in das hochentwickeltste Nervensystem der Welt – einschließlich Glasfaser, Funkmasten und Spektrum mit niedriger Latenz –, nur um festzustellen, dass dieses leistungsstarke System hauptsächlich die Impulse und Befehle anderer überträgt.

Seit Jahren fungieren Anbieter von Kommunikationsdiensten (CSPs) als das unverzichtbare Kreislaufsystem der Welt. Ihnen gehören die Venen und Arterien, aber Hyperscaler liefern das Lebenselixier, die Daten, die Verarbeitung und letztendlich die Gewinne.

Im Jahr 2026 findet jedoch eine massive tektonische Verschiebung statt: die souveräne Cloud.

Dies ist der Moment, in dem der digitale Organismus endlich sein eigenes lokales Gehirn entwickelt. Das Hochgeschwindigkeits-Nervensystem überträgt Signale nicht mehr nur an externe Einheiten. Es verbindet den lokalen Intellekt mit dem lokalen Körper. Durch die Integration der souveränen Cloud bauen CSPs ein vollständiges und unabhängiges digitales Ökosystem auf, das die Daten, die Verarbeitung und die Entscheidungsgewalt innerhalb der eigenen Grenzen hält.

Das Herz im Vergleich zum Nervensystem

In der Welt der Telekommunikation herrscht eine bittere Ironie. In der Vergangenheit waren CSPs wichtige Kunden der großen Cloud-Anbieter und zahlten Milliarden, um ihre eigenen internen Systeme auf genau den Plattformen zu betreiben, die ihnen das Geschäft streitig machten.

Die Daten erzählen eine beeindruckende Geschichte. Im Jahr 2025 überstiegen die weltweiten Ausgaben für Cloud-Infrastruktur 400 Milliarden US-Dollar (laut Omdia). Allein in Europa sicherten sich die drei größten Akteure fast 80 Prozent des Cloud-Marktes.

Die Hyperscaler besitzen das Herz, in dem über 50 Prozent der weltweiten Daten verarbeitet werden, während die CSPs die Nerven – also die Konnektivität – besitzen. Doch die Sache hat einen Haken: Das Herz befindet sich derzeit in einer anderen Gerichtsbarkeit. In einer Welt zunehmender geopolitischer Spannungen stellt diese Abhängigkeit nicht mehr nur ein Geschäftsrisiko dar. Es handelt sich um eine Frage der Souveränität.

Die regionale Anatomie

Wenn wir mit unseren Kunden über die souveräne Cloud sprechen, meinen wir nicht nur eine technische Spezifikation. Es geht um das Überleben und das Wohlergehen verschiedener regionaler Instanzen, einschließlich Regierung, Finanzwesen, Forschung, Biotech, öffentliches Gesundheitswesen, Fertigung und mehr. Damit einzelne Regionen effektiv funktionieren, muss es eine lokale Kontrolle über die Daten und Services geben, die diese Branchen reibungslos funktionieren lassen und so für mehr Resilienz und Unabhängigkeit sorgen. 

Da sich der EU Data Act und die DSGVO zu noch strengeren Mandaten für die digitale Souveränität entwickeln, wird der europäische Markt für souveräne Cloud im Jahr 2026 voraussichtlich ein Volumen von 69 Milliarden US-Dollar erreichen. Für einen europäischen CSP stellt dies sowohl eine äußerst attraktive Geschäftsmöglichkeit als auch einen Auftrag zur Erreichung strategischer Autonomie für Europa dar.

Im Nahen Osten werden Daten wie die lebenswichtige Energie des Staates behandelt – das neue Öl. In Ländern wie Saudi-Arabien und den VAE bildet die souveräne Cloud das Fundament für die Initiativen National Intelligence und Vision 2030. Regierungen stellen ganze Ministerien auf souveräne Pfade um. Damit steuern sie alles – vom Verkehrsmanagement für Smart Cities bis hin zur prädiktiven Wirtschaftsplanung. 

In Afrika hängt das Geschäftsmodell für eine umfassende souveräne Cloud noch von der Erschwinglichkeit ab. Für einen Serviceanbieter wie Safaricom oder MTN besteht die zentrale Anwendung hier jedoch in der finanziellen Inklusion, die innerhalb einer souveränen Infrastruktur und entsprechender Services gehostet wird.

Diese Entwicklung sollte nicht zu separaten oder isolierten Instanzen führen. Hybrid Cloud, eine Technologiestrategie, die Public-, Private- und Edge-Umgebungen durch konsistente Plattformen und Standards verbindet, sollte heute die Norm für die moderne IT sein. Strenge Kontrollrichtlinien sind die Absicherung, die Basis des Vertrauens, auf dem Hybrid Cloud basiert. Deshalb haben Serviceanbieter beim Streben nach Souveränität einen Vorteil.

Das DNA-Problem

Warum wurden CSPs nicht zum Standardmodell für Cloud-Anbieter oder entwickelten sich reibungslos zu echten Digital Service Providern (DSP)? Einfach ausgedrückt: Sie haben Clouds entwickelt, um eine Netzwerkstabilität von 99,999 % zu unterstützen, und nicht, um die operative Agilität zu maximieren. 

Technologieabteilungen von CSPs wurden als Kostenzentren betrachtet – als notwendige Ausgabe, um den Betrieb mit hoher Verfügbarkeit und Stabilität aufrechterhalten zu können. Hyperscaler hingegen wurden als Profit-Center konzipiert, und die Infrastruktur war ihr Produkt. Während ein Serviceanbieter damit beschäftigt war, ein 300-seitiges Lastenheft für den Kauf eines einzelnen Servers zu erstellen, führte ein Hyperscaler 50 neue Servicefunktionen ein.

Doch jetzt haben Serviceanbieter die Möglichkeit, die Spielregeln zu ändern. Ihre gemeinsame Telco-Cloud ist nicht mehr ein abgeschottetes System aus proprietärer Hardware. Sie entwickelt sich zu einem offenen, horizontalen Ökosystem und einem agilen Profit-Center.

Ein offener Blueprint für souveräne Kontrolle

Wenn Sie eine souveräne Cloud aufbauen möchten, können Sie diese nicht auf einer Black Box errichten. Wenn Ihre souveräne Cloud auf einem proprietären Stack mit unbekannten Hardware- und Softwareabhängigkeiten und ohne auditierbare Kontrollen läuft, erreichen Sie keine echte Souveränität. Das ist wie ein Körper, dessen genetischer Code sich im Besitz eines Dritten befindet. Sie verfügen vielleicht über die Nerven und die Muskeln. Aber ohne die Fähigkeit, den Bauplan zu prüfen, sind Sie lediglich ein Nutzer in einem Organismus, den Sie nicht wirklich kontrollieren.

Open Source ist die einzige transparente Basis, bei der der Code untersucht und verifiziert werden kann – sei es durch Unternehmensprüfende oder durch nationale Sicherheitsbehörden und Regulierungsinstanzen. Zunehmend beobachten wir, dass Branchenführende zu Strategien übergehen, die auf der Einführung von Open Source basieren. So haben sich die Mitbegründer des Projekts mit Silva dazu entschieden, einen Industriestandard für einen cloudnativen Telco-Stack voranzutreiben, der von der Open Source Community unterstützt wird. Dies hilft dabei, die technische Basis als offenen Standard zu erhalten und nicht als Geschäftsgeheimnis, das potenziell in ausländischer Hand liegt.

Sogar die Art und Weise, wie diese „Nervensysteme“ des Netzwerks Informationen weiterleiten, verändert sich. Traditionell wurde der Datenverkehr auf Basis der niedrigsten Kosten geroutet. Im souveränen Zeitalter hat die Integrität der Gerichtsbarkeit Priorität. Das Routing erfolgt primär lokal. So bleiben Daten innerhalb nationaler oder europäischer Grenzen, selbst wenn dies die Umgehung eines günstigeren internationalen Pfades bedeutet. Dieser gesteuerte Informationsfluss priorisiert die operative Integrität und die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften gegenüber reinen Transitkosten und schafft so eine geschützte regionale Einheit.

Hier liegt die wahre Leistungsfähigkeit von Open Hybrid Cloud. Der eigentliche Vorteil von Hyperscalern war schon immer ihre Fähigkeit, riesige Rechenzentren in großem Umfang mit automatisierter Effizienz zu betreiben. Red Hat bringt diese operative Exzellenz in die Telekommunikationsbranche. Indem wir das hohe Tempo von Open Source-Innovationen nutzen, ermöglichen wir es Serviceanbietern, ihre Clouds mit der gleichen Geschwindigkeit und Effizienz wie ein Marktführer zu betreiben, während sie die volle Kontrolle über Software und Daten behalten. Dadurch verlagert sich der Schwerpunkt von den hohen Kosten manueller Abläufe hin zum hohen Wert der angebotenen Services für Nutzende.

Im Jahr 2026 ist der Bedarf an souveränem Unternehmenssupport für geschäftskritische Systeme nicht verhandelbar. Red Hat Confirmed Sovereign Support schließt diese Lücke, indem es die Transparenz von Open Source mit dem professionellen souveränen Support bietet, den Regierungen fordern. Red Hat hat außerdem kürzlich das Tool Digital Sovereignty Readiness Assessment eingeführt, um Organisationen dabei zu unterstützen, eine objektive Basis für ihre digitale Kontrolle in wichtigen Bereichen zu erstellen.

Das souveräne Gehirn

Wir haben ein Jahrzehnt auf die ultimative Anwendung für 5G gewartet. Es waren weder VR-Brillen noch Fernchirurgie. Stattdessen ist es der Aufstieg des souveränen Gedankens durch KI.

Während massive Large Language Models (LLMs) für viele Schlagzeilen sorgen, tendieren Europa und der Nahe Osten zu Small Language Models (SLMs). Diese nutzen weniger Ressourcen effizienter und lassen sich auf hochspezifischen, lokalen Datensätzen trainieren. Stellen Sie sich ein Modell vor, das nur mit schwedischen Rechtsdokumenten oder saudi-arabischen Gesundheitsdaten trainiert wurde.

Diese Modelle benötigen kein riesiges Data Warehouse. Sie müssen am Edge eingesetzt werden, in den lokalen Rechenzentren, die bereits den CSPs gehören. Der SLM-Markt wird bis 2029 jährlich voraussichtlich um 36 Prozent wachsen. Hier können Serviceanbieter eine transformative Chance nutzen. Durch die Bereitstellung souveräner KI-Fabriken gehen sie vom Verkauf von Datentarifen zum Verkauf von vertrauenswürdiger Intelligenz mit hohen Margen über.

Das evolutionäre Upgrade

Die erfolgreichsten CSPs im Jahr 2026 werden diejenigen sein, die ihre eigene DNA analysiert und reformiert haben. Sie behandeln ihre Technologieabteilung nicht mehr als reine Kostenstelle, sondern als Umsatzmotor und echten technologischen Wegbereiter.

Wenn Serviceanbieter wie Telenor, Orange oder T-Systems eine souveräne Cloud anbieten, verkaufen sie nicht nur eine virtuelle Maschine. Sie verkaufen Vertrauen. Sie holen den Rückstand nicht dadurch auf, dass sie mehr Funktionen als die Marktführer bieten, sondern indem sie lokaler agieren. Sie verfügen über lokalen Support, lokale Rechenzentren und lokales regulatorisches Verständnis, das sich nicht einfach replizieren lässt.

Wir werden endlich erleben, wie das Nervensystem, das Herz und das Gehirn synchron funktionieren. Die Leitungen werden intelligent, und Kostenstellen entwickeln sich zu Profit-Centern.

Und was geschieht, wenn Serviceanbieter tatsächlich zu diesen souveränen Wegbereitern werden? Wie werden sich 6G und das Serviceangebot am Edge verändern, wenn das Netzwerk selbst nicht mehr nur eine Leitung ist, sondern ein verteiltes, souveränes Gehirn? Wenden Sie sich an das Telekommunikationsteam von Red Hat, um zu besprechen, wie wir Sie beim Aufbau einer souveränen Cloud-Lösung unterstützen können. Wenn Sie dieses Jahr am MWC Barcelona teilnehmen, besuchen Sie uns dort.


Über den Autor

Christof Stallmach is an experienced leader and subject matter expert in information and communication technology (ICT), infrastructure operations, and telco business streams at Red Hat. Since 2005, he has navigated the evolution of ICT and enterprise architecture through extensive international experience. As head of Red Hat’s Center of Excellence within EMEA Telecoms, Christof combines deep operational roots with a strategic vision for telco, sovereign cloud, and AI, focusing on turning technical debt into genuine business value for customers through open collaboration and problem-solving.

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